Im Gespräch

Verstrickt in die Widersprüche der Welt

Autor Philipp Löhle und Regisseur Christoph Leibold im Gespräch über „Das Ding“

Christoph Leibold: Wo kaufst Du Deine Kleidung?

Philipp Löhle: Ich kaufe mir mittlerweile tatsächlich nur noch Fair-Trade Klamotten. Und auch das sehr selten. Unlängst habe ich in der Zeitung gelesen: Wenn man ressourcenschonend leben will – also so, dass man nicht mehr verbraucht, als die Erde abwirft – darf man sich zum Beispiel nicht öfter als einmal pro Monat ein Kleidungsstück kaufen. Aber wenn man sich daran hält, dann ist es auch egal, ob die Anziehsachen teurer sind, weil man dann ja eh nicht oft Geld ausgeben muss. Allerdings ist es viel einfacher, zu H&M zu marschieren und nach fünf Minuten mit einer 15-Euro-Hose wieder nach Hause zu gehen. Eine ökologisch produzierte, fair gehandelte Hose ist nicht nur ungleich teurer, sondern viel schwieriger zu bekommen.

CL: Umso vorbildlicher, dass Du auf solche Dinge achtest. Handelst Du in allen Lebensbereichen so verantwortungsbewusst?

PL: Ich bemühe mich um einen nachhaltigen Lebensstil und mache halt das, was man dann so macht: biologische Lebensmittel kaufen, Fleisch aus der Region, Discounter meiden und so weiter. Aber ich bin mir bewusst, dass ich das alles wieder kaputt mache, wenn ich in ein Flugzeug steige. Man darf maximal fünf Stunden fliegen im Jahr, wenn man umweltverträglich leben will. Ich habe in diesem Jahr schon zwei Langstreckenflüge hinter mir. Damit bin ich schon drüber.

CL: Das sind so die Widersprüche, in denen viele von uns sich bewegen. Wir wissen um die Probleme, versuchen hie und da, etwas dagegen zu unternehmen. Aber wirklich konsequent sind die wenigsten von uns. In „Das Ding“ zeichnest Du am Beispiel des Produktionszyklus‘ in der Textilbranche ein Bild unser globalisierten Welt. Beim Inszenieren deines Stücks habe ich mich gefragt: Wie zeigen wir ein Problem, dessen Teil wir sind, ohne uns selbst permanent in diese Widersprüche zu verstricken? Ein Beispiel: Meine Idee war es, das Stück auf und um einen Berg von T-Shirts spielen zu lassen. Aber woher kriegt eine Amateur-Truppe wie wir, die nur einen bescheidenen Etat hat, so einen Haufen T-Shirts her, die bezahlbar sind? Marschieren wir auch in den H&M? Oder bestellen wir sie noch billiger im Internet? Wohl eher nicht.

PL: Hättet Ihr Euch die T-Shirts nicht spenden lassen können?

CL: Auf die Idee sind wir gar nicht gekommen. Wir haben erstmal unsere Kleiderschränke geplündert und geschaut, was eh schon da ist. Das sind auch keine Fair-Trade-Sachen. Aber so kauft man wenigstens keine neue Ramschware. Ansonsten haben wir uns mit alten Bettlaken beholfen, um den Anschein eines T-Shirt-Bergs zu erwecken. Aber die Verführung ist schon zu sagen: Wir sind ein armes Theater, es geht halt nicht anders, als Billigzeug zu kaufen.

PL: Interessanterweise läuft es an professionellen Theatern genauso: Die kaufen ganz viele Klamotten bei H&M, weil der Kostüm-Etat so klein ist. Das ist die Lüge der Stadt- und Staatstheater, die vorgeben, für eine bessere Welt zu kämpfen, aber selbst oft ein Abbild dessen sind, was schief läuft in dieser Welt.

CL: Die Idee mit dem T-Shirt-Berg in unserer Inszenierung hat natürlich mit dem Inhalt Deines Stücks zu tun. Es steckt aber auch ein formaler Ansatz drin. Wir wollten nicht die große Illusions-Kiste anschmeißen, sondern mit einfachen Mitteln alles auf der Bühne entstehen lassen. Sozusagen ein handgestrickter Theaterabend. Weil ich auch Dein Stück als handwerklich empfinde. Wäre Dein Stück ein Kleidungstück, wäre es ein Unikat vom Schneider, keine Massenware von der Stange. „Das Ding“ ist ein unglaublich kunstvolles Text-Gewebe aus verschiedenen Handlungsfäden. Aber es hat ein paar Macken. Wie bei echter Handarbeit, bei der man auch nie die Perfektion industrieller Fertigung erreicht.

PL: Das ist interessant, was Du sagst: Teilnehmer eines Dramenworkshops haben nämlich tatsächlich ein paar Webfehler entdeckt. Ich habe ja die einzelnen Erzählstränge des Stücks zunächst jeweils für sich geschrieben und dann erst miteinander zu verknüpfen versucht – ohne dass lose Enden bleiben, aber mit vielen Zeit- und Ortsprüngen. Der Workshop hat dann aber herausgefunden, dass manches rein zeitlich gar nicht aufgeht. Von daher: Von Perfektion kann wirklich keine Rede sein. Aber das ist, denke ich, absolut egal. Was das Inszenieren meiner Stücke angeht, so mache ich mir beim Schreiben keine Gedanken, wie das auf der Bühne später aussehen könnte. Nur so viel: Ich empfinde es als großen Luxus im Theater, dass man, wenn man beispielsweise sagt: ich bin in Brasilien, nichts aufbauen muss auf der Bühne, was nach Brasilien aussieht. Das Theater ist da viel flexibler als der Film, der die einzelnen Schauplätze wirklich aufsuchen müsste, um dort zu drehen. Im Theater erklärt sich das über den Text, man braucht eigentlich erstmal nichts weiter, um die Handlungsorte zu etablieren.

CL: Wobei es das im Theater schon auch immer noch gibt: den Versuch, eine Illusion zu erzeugen. Zwar eher selten beim Bühnenbild. Aber doch häufig, was das Gestalten von Figuren betrifft. Oft funktioniert Theater noch immer so, dass Schauspieler*innen versuchen, sich glaubhaft in andere Menschen zu verwandeln. Das hat auch durchaus seine Berechtigung bei manchen Stücken, ist bei „Das Ding“ aber allein schon deshalb nicht durchgängig machbar, weil darin Afrikaner und Chinesen auftreten. Weiße, deutsche Darsteller*innen können sich unmöglich „perfekt“ in Chinesen oder Afrikaner verwandeln.

PL: Eben. Und daher lasse ich auch alle Figuren gleich sprechen. Die sprechen ja alle Löhle-Deutsch. Der Afrikaner redet nicht anders als die Chinesen. Und die reden nicht anders als die deutschen Charaktere oder der Schweizer im Stück. Das war eine bewusste Entscheidung. Es geht nicht um Realismus. Gleichzeitig geht es auch nicht darum, irgendwelche Klischees von Chinesen oder Afrikanern zu reproduzieren. Ich habe schon Aufführungen von „Das Ding“ gesehen, in denen die Chinesen alle immer „L“ statt „R“ gesagt haben. Aber so reden die ja nicht miteinander. Sondern Chinesisch. Also ganz normal. Darum lasse ich sie in einem deutschen Stück normales Deutsch reden. Oder halt mein Deutsch. Ich lege auch dem Afrikaner kein gebrochenes Deutsch in den Mund, um ihn als Afrikaner kenntlich zu machen. Das wäre meines Erachtens völlig falsch.

CL: Wir machen die Herkunft der Figuren durch verschiedenfarbige T-Shirts sichtbar. Mehr braucht es wirklich nicht. Wobei, wenn ich ehrlich bin: Ein bisschen arbeiten wir schon mit Klischees. Aber nur um so unsere eurozentristische Sicht auf Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe zu reflektieren. Im Stück ist das ja auch Thema. Wenn zum Beispiel eine der deutschen Figuren sagt, die Chinesen schauen alle gleich aus, dann ist das ein Gedanke, den viele von uns schon mal gedacht haben. Daher versuchen wir, Klischees gelegentlich zu bedienen, um sie dann aber sofort wieder zu brechen und als das sichtbar zu machen, was sie sind: Klischees eben, die wir als Mitteleuropäer mit uns herumtragen und die tendenziell rassistisch sind. Aber natürlich sind Klischees auch komisch. „Das Ding“ ist ja eine Komödie. Ich spreche immer von einer Globalisierungsfarce. Wie Du die Schicksale von Figuren auf den verschiedenen Erdteilen über die Geschichte einer Baumwollflocke als Erzählfaden miteinander verwebst, das ist im Grunde total hin konstruiert und äußerst unwahrscheinlich. Zugleich aber könnte es in einer globalisierten Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, haargenau so sein. Das ist der Aberwitz der Welt, in der wir leben.

PL: Die Frage ist, was man damit macht. Nicht im Theater, meine ich, sondern im Leben. Man kann sagen, man ist dieser aberwitzigen Welt machtlos ausgeliefert. Oder aber man sagt: Dadurch, dass alles mit allem zusammenhängt, hängt auch jeder Einzelne mit der Welt zusammen. Daher hat alles, was wir als Einzelne tun, auch Einfluss auf das große Ganze. Die Hoffnung wäre deshalb: Wenn ich hier an unserem Ende der Welt nur noch fair gehandelte T-Shirts kaufe, geht es am anderen Ende wirklich irgendwann jemand anderem besser.


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